Tratsch: who by fire

kamiko, 27. Dezember 2017, um 04:44
zuletzt bearbeitet am 27. Dezember 2017, um 05:09

ist die Übersetzung von "and who shall I say is calling ?" mit "und - wer entscheidet das ?" nicht genial ...

and who shall I say is calling !!!
ich gebe zu, ich hab leonard cohen doch sehr unterschätzt.
und heute bin ich überzeugt: sein genie ist mehr, als der anschein glauben macht !

https://www.youtube.com/watch?v=jtMi8PpyTvc

und so frag auch ich mich - ja, wer entscheidet das denn ?

verana, 27. Dezember 2017, um 07:14

Kamiko - mir dünkt, du bist auf dem richtigen Weg...

krattler, 27. Dezember 2017, um 10:51

ich meine ja, dass die übersetzung respektive interpretation falsch ist.
da taugt die wörtliche übersetzung mmn mehr.
wen darf ich melden, anmelden.
er besingt ja - basierend auf einem jüdischen text - die unterschiedlichen arten selbstmord zu begehen.
der sänger (hier in der rolle des türstehers/pförtners) frägt den neuankömmling, wen er melden darf.
aber cool, dass du cohen gut findest. hätte ich jetzt eher nicht gedacht.

TubaSkinny, 27. Dezember 2017, um 11:28

Ja sehe ich auch so. Manches ist einfach ein idiom
und nur im Kontext verständlich.
Beispiel : " i ride shotguns" heisst nicht anders
als " ich sitze vorne" . Wer zuerst dies sagt setzt sich als Beifahrer hin. In einer Sprache verfestigte idioms
findet man in keinem Sprachlehrbuch. Eine "lebendig" benutze Sprache erlernt man nur in dem Land in dem sie benutzt wird.

krattler, 27. Dezember 2017, um 11:53

is ja witzig....
des sagte ein früherer eishockeyspieler, der von minnesota wild kam auch bei jeder gelegenheit.
hiess iwie "passt schon budddy"

TubaSkinny, 27. Dezember 2017, um 11:55

Bill,
man kann vielen kurzen Antworten vieles andichten.
I deinem Bespiel meint der Gegenüber:
" ich wette das Vergnügen liegt bei mir ". Auf den Punkt gebracht und um Redezeit zu sparren, sagt man einfach, "i bet ".

kamiko, 27. Dezember 2017, um 12:13

ich stolperte darüber, als ich verschiedene Übersetzungen las und es kam mir auch seltsam vor, da doch "is calling" sehr eindeutig ist.
warum also ?

mehr und mehr dachte ich darüber nach und darüber, ob es denn nicht nur zulässig sein dürfe, das mit "wer entscheidet das" zu interpretieren, sondern auch dieser Text sogar dazu auffordert, ihn frei deuten zu wollen.

beschränkt sich ein Bild auf die Interpretation des Künstlers oder entsteht die Realität erst im Spiegelbild des Betrachters ?

gibt es dann nicht viele Realitäten, jede individuell .. und "wer entscheidet das ?" - was mich wieder zu dieser eigenwilligen Übersetzung zurückführt.
begründet sie sich somit selbst ?

ja, das mag jetzt etwas verkorkst und verquer erscheinen ... egal, darf ja jeder übersetzen, wie er mag.

Rashomon, 27. Dezember 2017, um 13:08

Ohne eine Diskussion über Rezeptionsästhetik und "Was ist Kunst?" schüren zu wollen, stimme ich zu, dass die Interpretation eines Liedes (Musik/Text) von Fokus, Wissen und Kontext des Empfangenden (Hörers) abhängt, und es i.d.R. mehrere Deutungsebenen gibt. Der erwähnte Cohen-Titel hat laut schlauer Musikjournalisten allerdings einen Bezug zu einem hebräischen Gebet, das dem jüdischen Jom Kippur "Versöhnungsfest" zugeordnet ist. "Who by fire" und "Who's calling?" rückt in diesem Zusammenhang in die Nähe des christlichen Gedankenguts "Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein".

krattler, 27. Dezember 2017, um 14:25

@ billyboy, war ja eh klar;)
@ rashomon: perfekt!

kamiko, 27. Dezember 2017, um 17:37

perfekt ? na da hab ich auch mal etwas gegoogelt und fand zwar ähnlich antworten - nöö, überzeugt mich aber überhaupt nicht.

"Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein" - Cohen ein Pazifist ? er war doch extrem pro-isrealisch und eher militant eingestellt.

auch die Selbstmord-These hinkt vorn und hinten:
"...
Wer im Sonnenschein,
wer zur Nachtzeit,
...
Wer durch mutige Zustimmung
Wer durch Unfall
Wer in Einsamkeit
Wer in diesem Spiegelbild
"
da passt ja gar nichts dazu.
-----------
also mal logisch an die kiste und hierbei wörtlich und wie bei den amis (lt. googlee) am meisten gebräuchlich übersetzt: "und wer soll ich sagen, wer dran ist (...am telefon oder wie auch immer...) ?"

also doch der türsteher/pförtner und da will jemand ein gespräch mit gott ?
könnt sein - Cohen war sehr religiös angehaucht..., aber was will dann der an der andern Leitung ?

DASS er was will, steht ja außer frage, sonst würd er ja nicht anrufen - versteht sich ... nur ein "hallo, wie geht's" scheint's nicht zu sein.
und jetzt frägt ihn der "türsteher":
"und was soll ich sagen, wer dran ist" ?

hört sich fast an wie die Bulldogge im Vorzimmert des Chefs mit "und was hast du für einen hyperwichtigen Grund oder gar Ausrede, dass ich grad DICH durchstellen soll ?"

und dann, was will dieser jener denn eigentlich von Gott ? was ist seine Intention - ist er doch tot, aber noch nicht anwesend - Bus verpasst ? ... von wo ruft er an ? .. sitzt er altbiblisch gesehen im Fegefeuer und will Straferlass ?

sicher meinte Cohen das nicht; wenn auch der text sich eher post-mortem positioniert und sich nirgens zu den lebenden hinwendet;
also worum genau geht es ?
er lässt keine konkretisierung erkennen - orakelt schlimmer wie in delphi; man kann es auslegen, wie man will ... spielraum für die eigene deutung ... (!?)
-----------
die erste übersetzung oben "wer entscheidet das ?" scheint dann wohl völlig falsch zu sein; schade, sie gefiel mir am besten.

Rashomon, 27. Dezember 2017, um 18:10
zuletzt bearbeitet am 27. Dezember 2017, um 18:10

Deine Übersetzung ist ganz richtig und wird auch von Cohen bestätigt - siehe http://www.leonardcohen-prologues.com/who_by_fire.htm ... Als Kind hat er sich gefragt, wer das ist, der da entscheidet, ob und wie jemand stirbt (übertragen: zur Verantwortung für sein Leben gezogen wird).
Ich denke auch, es geht um Tod ohne Fokus auf Selbstmord. Wer entscheidet, wer gerufen wird (sprich: sterben wird und wie)?
Mein Hinweis interpretiert den Text auf einer übertragenen Ebene, also bezogen auf das Beurteilen (eines Lebens oder Todes? I.w.S. egal was). Jeder, der urteilt, soll sich zuerst einmal selbst verantworten.

faxefaxe, 27. Dezember 2017, um 18:53
zuletzt bearbeitet am 27. Dezember 2017, um 19:30

Ich lese immer gern auf dieser Seite, wie andere Songs so interpretieren:

http://songmeanings.com/m/songs/view/74108/

kamiko, 27. Dezember 2017, um 19:25

oops, faxe, da sind ja noch viel mehr Ideen dazu.
merci.

@rashomon:
nicht meine Übersetzung, zuviel der Ehre - ich hab's nur aufgeschnappt^^
danke für die Hintergrundinfos; ja, den Bogen kann ich jetzt nachvollziehen; so macht das Sinn.

kamiko, 16. Januar 2018, um 14:01

@rashomon, ich schreib's hier rein:
also dass du nicht nur die Platte von Wecker kanntest - die kennen schon wenige - sondern sogar noch den ganzen Background dazu...
... also da bin ich jetzt wirklich baff!

Dich muss ich mir merken und wenn ich mal wieder über ein Lied nachdenke, dann weiß ich jetzt, wo ich jemand finde, der's wirklich drauf hat. 👍

mamaente, 16. Januar 2018, um 14:04

ich habs jetzt nochmal gelesen, aber ich kapiers immer noch nicht. hilf mit mal kami, von welcher wecker lp ist hier die rede?

faxefaxe, 16. Januar 2018, um 14:21

o_o seit wann fragt man denn nach, wenn man nicht versteht, was der Kami sagt?

faxefaxe, 16. Januar 2018, um 14:32

^^ Du bist in Stilfragen leider disqualifiziert.

kamiko, 16. Januar 2018, um 14:35

klappe, faxe^^ wer eine ernsthafte frage stellt bekommt eine ernsthafte antwort.
@ente:
"die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Wecker"
rashomon hat im anderen thread gleich den background dazu geliefert.

aber ich denke, das ist weniger was für dich, es sei denn, du setzt dich sehr neutral damit und der überzeichnung auseinander und dem, wie Konstantin Wecker das umsetzt.

auf der platte gab's übrigens ein lied, das mir sehr gut gefiel, das ging in etwa so:
"Sommer war's
Der Steg erstickte fast
An Sommerlust und Lieb' und Leid
Und Sommerkörperlast
Boote, angefüllt
Mit Segel, Mensch und Leib
Und Hitzebläschen auf dem Mund
Und Schifferseligkeit
...
Und die Steine waren weiß
Und die Erde war ein Tier
Und wir wühlten feucht im Sand
Auch woanders wühlten wir
...
Sommer war's
Wir schwammen in der Lust
Antonio, der Kellner
Hatte Haare auf der Brust
Antonio, der Kellner
Am Tage war er Mann
Am Abend war er Mädchen
Mit Kleid und gold'nem Kamm"
hab's in YouTube nicht gefunden.

es ist textlich und musikalisch sowas wie "Rosamunde Pilcher", total naiv, leichte kost, fast schon wie ein verklemmter kleiner Junge oder verklemmtes Mädchen ist seine Erzählung und wirkt doch insgesamt positiv.
Die Musik dazu ist ausgesprochen leicht, luftig, eben richtig sommerlich wie eine dünne warme Brise, in die dazwischen so eine Spannung wie ein aufkeimendes Tier setzt, um dann wieder ganz unbeschwert dahinzuträllern...

deshalb - ganz ernst gemeint - seh ich da sehr große Parallelen zur "Anakreontik", nur ins Modernere übersetzt.

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